10 November 2012

Hektik, Hektik, Hektik

Ich bin seit ein paar Minuten vom Einkaufen zurück.
Es war ein kleiner Einkauf - nur etwas Thunfisch für unsere Fellnasen, Milch und Butter.
Deswegen bin ich auch gut gelaunt zu Fuß durch den Regen gegangen, so weit ist es nicht und schwer zu tragen war auch nicht.
Ich trat vor die Tür und die Luft roch nach Sankt Martin, Advent und irgendwo weit weg nach näherkommendem Schnee. Die Lichter glitzerten im Regen und in den Pfützen und ich hobbelte zum Supermarkt.
Kaum war ich drin, änderte sich die Atmosphäre, als hätte jemand mit einem klaren Schnitt mit scharfem Messer einmal alles durchgeteilt. Hektik. Überall Hektik. Genervte Menschen, die durch den Laden hetzten, mir an den Hacken klebten oder an mir vorbeirempelten. Dass jemand nicht so laufen kann, obwohl er eigentlich ganz normal aussieht, kommt entweder keinem in den Sinn oder es ist den Dahinhetzenden egal.
Ich habe es geschafft, ohne Stimmungsumschwung durch den Laden zu kommen. Oft drückt mir sowas sofort die Laune und ich werde hibbelig und latent aggressiv. Heute konnte ich gelassen bleiben und kam mir vor wie in einem dieser Zeitrafferfilme, in denen eine Person in normalem Tempo durch eine vorbeirasende, verwischte Welt geht.
Wieso ist das so? An einem späten Samstagnachmittag. Das furchtbare Wort "Entschleunigung" steckt in vieler Munde...kein Wunder eigentlich, wenn ich sehe, wie viele Menschen nicht leben sondern gelebt werden. Alles rauscht an ihnen vorbei und sie können nicht einmal einen Samstagabend genießen, ohne irgendwo herumzupoltern und zu drängeln.
An der Kasse schieben sie einem den Wagen in den Hintern, als ginge es dann schneller voran. Danach, an der Bäckertheke, war die Schlange relativ lang, aber es ging rasch voran. Dennoch wurde die Frau gleich hinter mir nicht müde, herumzuseufzen und zu schnaufen. Und sie rückte mir immer dichter auf die Pelle. Ich war schon drauf und dran, sie anzuätzen - dann aber dachte ich mir, dass das weder dazu beiträgt, dass es mir damit besser geht, noch ihre Laune hebt.
Auf dem Weg zurück ging es an einer Tankstelle vorbei, deren Ausfahrt über den Gehweg geht. Und prompt fuhr so ein Idiot wie vom wilden Affen gebissen raus, rauschte über den Gehweg durch die dicke Pfütze obwohl ich da gerade lief. Da ist mir dann doch ein "Arschloch!" entwichen, aber der Kerl bekam das schon nicht mehr mit, da er sich ja so beeilt hatte, die kleine Lücke im Straßenverkehr, die er wahrgenommen hatte, zu erwischen.

Ich habe vielleicht gut reden, da ich zwangsweise "entschleunigt" bin nach meiner Not-OP 2008. Inzwischen bin ich Rentnerin (nicht aufgrund des Alters....aufgrund von Geht-nicht-mehr) und habe trotz meiner Einschränkungen erkannt, welchen Luxus ich besitze. Ich bin zufrieden, ausgeglichen. Ich kann das tun, woran mein Herz hängt - nämlich malen, schreiben, fotografieren, mich zur Geschichte etc. weiterbelesen, Spiritualität leben - wann immer ich möchte. Erwerbsunfähigkeitsrente ermöglicht einem keine großen Sprünge; nicht in meinem Alter. Bei vielem weiß ich nicht, wie ich es schaffen soll und ich kann generell vieles nicht so, wie ich gerne wollte durch meine körperlichen Einschränkungen. Aber das, was ich habe, erscheint mir dennoch wie ein großer Luxus, auch wenn mich natürlich oft genug Existenzängste überkommen.
Ich weiß noch gut, wie es war, aus einem ungeliebten Bürojob (im Kindergarten habe ich lange gerne gearbeitet, bis sich da so viel änderte) in den Feierabend zu gehen, zu erschöpft, genervt und ausgelaugt, um dann noch das zu tun, woran mir liegt. Schnell, schnell einkaufen, Haushalt, Tag vorbei. Nicht gelebt.
Und erstaunlicherweise ist mein Ziel, als Künstlerin, Autorin und spirituell Arbeitende tätig zu sein, jetzt näher als je zuvor. Ehrlich gesagt, bin ich schon als Künstlerin tätig. Es bringt mir nur noch nichts ein. Aber irgendwie muss man ja anfangen, nicht wahr?

Kommentare:

Hummel hat gesagt…

Ja, muss man. Und ich glaube, Ihr beide seid genau auf dem richtigen Weg. Mittlerweile gibt es hunderte von Menschen, die Eure Bilder und Eure spirituelle Arbeit kennen und lieben und sie kaufen, weiterempfehlen und Euch damit den Weg pflastern.

Den Ausdruck "nicht leben, sondern gelebt werden" finde ich genial, und er trifft es im Kern. Ich lerne selbst gerade erst, Nein zu sagen zu Terminen, von denen absehbar ist, daß sie mich an die Grenzen der Belastbarkeit bringen. Und seit ich das tue, geht es mir nicht nur körperlich besser, ich habe auch viel bessere Laune, bin nicht mehr ganz so dünnhäutig und meine Arbeit macht mir viel mehr Spaß. =)

Besides - wenn mir jemand an der Kasse den Wagen in den Rücken rammt, lehne ich mich immer mit ganzem Gewicht dagegen. Das steht sich bequemer. ^^

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Das Einkaufen hab' ich noch nie gemocht.....
Ich denke wir müssen uns nicht für unser krank sein entschuldigen.
In dieser Gesellschaft trifft es früher oder später jeden. Denn wir sind halt keine Roboter.

Ich hab' auch keine Langeweile und.....bin eigentlich ganz gut drauf, trozt......aller derzeitigen "Umstände".....
Was soll's? Jeden Tag so gut als möglich verbringen.....mit Sachen die Einer Freude machen.....auch, wenn's nur Kleine oder Wenige sind.

Das ist "Das Leben",....aus jeder noch so verfahrenen Situation, was Gutes für sich selber zu machen....

......ich hab' jetzt lange überlegt was ich Dir wünsche,.....aber ich glaube......ein Stücken "Freude" jeden Tag.....ist gut!
Alles Liebe
Grey Owl

athena hat gesagt…

Ja ja, da sagst Du was... Ich kenne das alles (wie ja vermutlich die meisten) undzwar von beiden Standpunkten aus. Ich rege mich ständig über diese drängelnden, unverschämten Menschen auf. Merke aber leider viel zu häufig dass ich eigentlich selbst zu denen gehöre, die nach der Arbeit NOCH SCHNELL einkaufen MÜSSEN, um danach noch Haushalt, Essen und andere Verpflichtungen erledigen zu können. Aber inzwischen gönne ich mir schon viel mehr des Luxusguts Freizeit und meiner eigenen Interessen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Ashmodiel hat gesagt…

Schön, dass ich nicht alleine stehe damit =)

Alruna hat gesagt…

Wenn ich einkaufen bin, dann lasse ich mir Zeit. Ich habe Feierabend oder Wochenende, da will ich mir keinen Stress machen. Aber ja, wenn mir jemand zu sehr auf die Pelle rückt oder mir den Wagen in den Hintern schiebt, dann werde ich manchmal aggressiv und dann rammt der Wagen durch einen kleinen Hüftschwung meinerseits "ganz aus Versehen" wieder zurück oder ich trete mit dem Absatz auf Zehen. Mich ärgert Rücksichtslosigkeit enorm, überhaupt diese "ich zuerst"-Mentalität.
Ich finde es toll, dass du dein Leben lebst, aus den Umständen das Gute für dich ziehst.
Alles Liebe
Alruna

Ashmodiel hat gesagt…

Danke Dir =)